Es wird schon wieder laut gebrüllt und sich positioniert, und ich habe das Gefühl, da liegen nicht alle Sachen auf dem Tisch.
Heute gab es im Westfälischen Volksblatt einen großen Artikel im Lokalteil, in dem sich die SPD Schlangen in der Kläranlagen-Thematik für das MBR-Verfahren ausspricht und der Fraktionsvorsitzende klar Position bezieht. Doch … worum geht es eigentlich und was ist denn wirklich das Problem? Und hat die SPD hier nicht ein wenig vorschnell gehandelt? Und was sagt die AfD Schlangen dazu? Und warum sagen alle anderen nichts? Oder wurden nicht gefragt? Ach …
Okay. Was ist der Kern des Themas?
Die Problemstellung und Ausgangslage ist einfach: Die Gemeinde Schlangen betreibt eine sogenannte Tropfkörperkläranlage zur Abwasserreinigung, die den zukünftigen Anforderungen der Bezirksregierung Detmold nicht mehr entsprechen wird und zudem an ihrer Belastungsgrenze arbeitet. Eigentlich, so zeigen die Zahlen aus Betriebsdatenauswertungen, Stichproben, 24-Stunden-Mischproben und Tagesganglinien, ist die Anlage in Schlangen bereits seit Jahren deutlich überlastet. Eine Genehmigung für die Kläranlage ist bis 2029 gültig (was den rein formalen Teil betrifft und die Auslastung nicht berücksichtigt, by the way).
Ein Dokument zur Vorlage im Betriebsausschuss der Gemeinde Schlangen vom 24.09.2025 unter dem Titel “Interkommunale Zusammenarbeit mit der Gemeinde Schlangen auf dem Gebiet der Abwasserreinigung” beschreibt das Thema, das Problem, die auf dem Tisch liegenden Möglichkeiten und Alternativen, zeigt die Daten und erläutert Zahlen.
Behandelte Problemlösungen, die auch in der Stadt Bad Lippspringe diskutiert werden und wurden: Interkommunale Zusammenarbeit.
Denn Bad Lippspringe hat einerseits ein nicht ausgelastetes System, andererseits Ausbaureserven. Letztere fehlen der Gemeinde Schlangen, zumindest in einem wirtschaftlichen Rahmen, was in dem Dokument mit den folgenden Worten beschrieben wird: “Festzuhalten bleibt abschließend allerdings, dass auf dem Standort Kläranlage Schlangen aufgrund der Anlagengröße sich der Bau und Betrieb eines Faulturms für eine Biogasproduktion wirtschaftlich nicht darstellen lässt.”
Kurz gefasst und sehr verkürzt beschrieben, der im Dokument behandelte Vorschlag: Das Abwasser der Gemeinde Schlangen wird durch ein neu zu legendes Kanalsystem in den Klärungsprozess der Kläranlage der Stadt Bad Lippspringe gepumpt und künftig dort (in weitergeführter, kommunaler Abwasserwirtschaft) geklärt.
Ist das denn sinnvoll?
Den Studien und dem Dokument nach: Ja.
Das Dokument sagt: “Insgesamt zeigt die Studie, dass eine gemeinsame Abwasserbehandlung technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Mit vergleichsweise überschaubaren baulichen Anpassungen kann die Kläranlage Bad Lippspringe das Abwasser beider Kommunen langfristig sicher und nach dem Stand der Technik behandeln. Die Synergieeffekte aus der Stilllegung der Kläranlage Schlangen und der Mitbehandlung in Bad Lippspringe führen sowohl zu einer wirtschaftlichen Optimierung als auch zu einer betrieblichen Vereinfachung. Vor diesem Hintergrund wird die Umsetzung der interkommunalen Zusammenarbeit ausdrücklich empfohlen”.
Soviel zum verkürzten Hintergrund. Zur weiteren Information: Schaut Euch die Unterlagen im Ratsinformationssystem der Gemeinde Schlangen an. Die öffentlichen Informationen kann jeder einsehen.
Nun zu den Aussagen von heute aus der Zeitung
Die Einordnung der SPD:
Die SPD Schlangen stützt sich in der Einordnung der Umrüstung auf eines der (zukünftigen) Probleme: die höheren Anforderungen durch die Bezirksregierung Detmold, spätestens oder zu der auslaufenden Genehmigung 2029. Das ist überwiegend auch plausibel, in der Grundannahme eines wichtigen Problems der strengen Werte gut gedeckt.
Das bereits bestehende Problem, der Überbelastung der Kapazität wird (aus meiner Sicht) dagegen nicht deutlich oder deutlich genug thematisiert. Ja, die Umbaulösung würde sicher auch hier helfen können. Zumindest bei einigen Prozessen und Problemen der kapazitären Themen.
Ein MBR könnte die Reinigungsleistung am Standort Schlangen grundsätzlich verbessern. Ob damit aber sämtliche Kapazitäts- und Anlagenengpässe dauerhaft gelöst würden, ist durch die öffentlichen Dokumente nicht belegt.
Thematisiert die SPD in dem Artikel nicht deutlich, dabei ist das ein mindestens gleichwertiges Problem zu den Anforderungen der Bezirksregierung in Richtung von Einhaltungswerten.
Die Tatsache, dass Argumente wie die zugrunde liegende Studie, skizzierte Vorteile der interkommunalen Zusammenarbeit für den Klimaschutz, der nicht wirtschaftliche Bau potentiell notwendiger Zusatzbauten oder auch die Wirtschaftlichkeit der Zusammenarbeit an sich, hier außen vorgelassen werden, ist schade und fühlt sich für mich an, wie eine voreilige, nicht umfängliche Betrachtung von Problem und Lösung.
i-Tüpfelchen und Sahnehäubchen ist allerdings das politisch zugespitzte Framing veralteter lokalpolitischer Denkweisen. Aussagen wie “Bad Lippspringe möchte unser Abwasser in seiner Kläranlage und es dort klären.” helfen nicht. Dieses Framing wirkt auf mich provinziell und lenkt von der eigentlichen Sachfrage ab: Welche Lösung ist technisch, wirtschaftlich und langfristig tragfähig? Die Ablehnung der interkommunalen Zusammenarbeit gegen die Empfehlung und ohne die vollumfängliche Betrachtung des Problems und des Sachstandes ist für mich weder produktiv, noch nachvolziehbar.
Was die AfD Schlangen beizutragen hat
Schwierig ist, dass die AfD in ihrer Einordnung nicht auf das zentrale Kapazitätsproblem und die konkret vorliegenden Lösungsvorschläge eingeht, sondern ein anderes Thema aufmacht.
“…eine Stufe 4 (chemische Reinigung)” … das ist a.) nicht ganz richtig. Mit der 4. Reinigungsstufe ist in der Regel eine zusätzliche Stufe zur Entfernung von Mikroschadstoffen gemeint. Sie ist nicht dasselbe wie ein MBR-Verfahren. b.) zielt die Stufe 4 nicht mal auf das gleiche Problem, wie ein MBR-Reaktor und c.) steht die Stufe 4 in den vorliegenden öffentlichen Unterlagen nicht als ausgearbeitete Alternative im Mittelpunkt.
Fakt:
- Eine 4. Reinigungsstufe kann zusätzliche Anforderungen bei Spurenstoffen und Mikroschadstoffen adressieren.
- Ein MBR betrifft den Kernprozess der biologischen Reinigung und die Feststoffabtrennung. Er ersetzt bzw. verändert also die eigentliche Anlagenkonfiguration.
Würde eine Stufe 4 zusätzliche Umweltanforderungen erfüllen? Bestimmt.
Würde es Kapazitätsprobleme lösen? Nope.
Wäre ein MBR-Reaktor dazu in der Lage? In einigen Phasen des Aufbereitung/Klärung ja – und auf jeden Fall eher als eine Stufe 4, aber bei Kapazitätsproblemen in Zulauf etc. ebenfalls nicht …
Wird die Stufe 4 in diesem Fall als Lösungsvorschlag diskutiert? Nope.
Was ich eigentlich sagen will:
Mein Eindruck: Die SPD argumentiert zu eng entlang eines Teils des Gesamtproblems. Die AfD wiederum wirft ein anderes Thema in die Debatte, ohne das eigentliche Kernproblem sauber zu erfassen. Beides hilft der sachlichen Klärung m.E. nur wenig weiter.
Bild: Dank Gemini mit KI erstellt.