In meiner Timeline ploppte mal wieder ein Beitrag auf Facebook auf. Da schreibt ein sachkundiger Bürger der AfD-Fraktion in der Gemeinde Schlangen Gedanken zum Klima und wettert mit fantasierten Zahlen und Angaben. 

Mokiert wird der kühle Ort in der Gemeinde Schlangen, der in der vergangenen Woche (am 26. + 27.06.2026) bei den Extremtemperaturen öffnete und Menschen Schutz und Gemeinschaft bietet. 

Die Darstellung des sachkundigen Bürgers: 

  • Anspruchsvolle Kriterien, die knapp erfüllt wurden
  • „Jahrhunderthitze“
  • viel Aufwand
  • hohe Kosten (über 200.000 Euro)
  • Klimaanlage und behindertengerechte Toilette mussten eingebaut werden

Zum Raum an sich

Den Raum gibt es. Er wurde im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der Ev.-Ref. Kirchengemeinde in Schlangen und der Gemeinde Schlangen, mit ehrenamtlicher Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Schlangen e.V. sowie weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern aus örtlichen Vereinen, im August 2025 vorgestellt. 

Eine temporäre Einrichtung im Jugendhaus am Kirchplatz in Schlangen. Für Menschen, die bei großer Hitze Schutz und Abkühlung suchen, besonders ältere Menschen, Kleinkinder und gesundheitlich beeinträchtigte Personen. Mobile Klimageräte, bequeme Sitzmöglichkeiten, Trinkwasser, Sanitäranlagen sowie kleine Beschäftigungsangebote (z. B. Zeitschriften und Spiele) sind Teil des Angebotes.

Der Raum wird im Bedarfsfall ab 15:00 Uhr am Nachmittag geöffnet. Der Bedarfsfall tritt ein, sobald eine offizielle Hitzewarnung für extreme Wärmebelastung vorliegt (gefühlte Temperatur über 38 °C) oder die Warnstufe für starke Wärmebelastung (gefühlte Temperatur über 32 °C) an vier aufeinander folgenden Tagen andauert. 

Am 26.06.2026 und 27.06.2026 wurde der Raum aufgrund der eingetroffenen Bedingungen geöffnet.

Aber, was steckt hinter dem Beitrag?

Nun, da braucht man sich mit Kommunikation nicht wirklich zu beschäftigen, um zu erkennen, dass hier typische Spielereien mit der Sprache passieren, um den Eindruck von Fehlverhalten zu erwecken, das Engagement in ein falsches Licht zu rücken und das Thema an sich ins Lächerliche zu ziehen. 

Strohmannargumente, Überspitzung, Ironie und Co.. Wenn dabei dann aber auch noch gelogen wird, dass sich die Balken biegen, sollte man einfach mal genauer hinschauen.

Zum Wetter

Anführungszeichen sind (neben einer Zitatfunktion) hier ein besonderer Ausdruck der Häme, Skepsis oder Ironie. So stellt der sachkundige Bürger die ungewöhnlichen Temperaturen, die Maßnahme und das Klima an sich infrage. Das kann man eben mit den Anführungszeichen machen. Dieser „Experte“, sorry, „sachkundige“ Bürger, bezweifelt hier eine Tatsache. Dieses „Früher hatten wir auch heißes Wetter“ ist leider nur eine gefühlte Wahrheit. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache und widerlegen dieses „Argument“.

Infragestellen von Fakten und Falschdarstellung

Belegter wissenschaftlicher Fakt (Deutscher Wetterdienst) ist, dass die Hitzetage (Tage mit mehr als 30 °C) in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen haben. Hier in Schlangen waren im Zeitraum 1961–1990 im Schnitt an 3,7 Tagen im Jahr die Temperaturen über 30 °C. Im Zeitraum 1991–2020 waren es bereits 7,6 Tage pro Jahr, im Zeitraum 2021–2025 lag der Schnitt bei 9,4 Tagen pro Jahr. Allein im Juni 2026 hatten wir in Schlangen im Zeitraum 18.06. – 28.06. ganze 8 Tage mit mehr als 30 Grad. 

Die Temperaturen im Juni fanden am 27.06.2026 ihren bisherigen Höhepunkt. 39,1 °C – gemessen an einer privaten Wetterstation Schlangen (https://wetterstation-schlangen.hier-im-netz.de/)  – selbst Nichtstatistiker dürften den Anstieg dahinter sehen. Zudem werden die Temperaturen an sich (nicht nur an diesen Tagen) deutlich höher gemessen. 

Die gefühlte Temperatur ist dazu noch mal etwas Besonderes. Sie ist ein berechneter Wert, der beschreibt, wie warm oder kalt sich die Luft tatsächlich auf der Haut anfühlt. Sie weicht von der gemessenen Lufttemperatur ab, da Faktoren wie Wind, Luftfeuchtigkeit, Sonnenstrahlung und die eigene Aktivität unser Wärme- und Kälteempfinden stark beeinflussen. 

Erfundene Daten und falsche Darstellung

Der „sachkundige Bürger“ schreibt von viel Aufwand und hohen Kosten. 200.000 € seien investiert, eine Klimaanlage eingebaut und eine behindertengerechte Toilette eingerichtet worden. 

Das ist schlicht gelogen. 

An den Haaren herbeigezogen und fantasiert. 

Nicht eine dieser Aussagen trifft zu. 

Weder wurde eine Klimaanlage eingebaut, noch wurde eine behindertengerechte Toilette eingerichtet, noch sind – auch nur annähernd – solche Kosten entstanden. Der Gesamtaufwand durch die Gemeinde – rein finanziell – lag bei gerade mal 696,81 Euro. Hauptsächlich für mobile – und damit auch anderweitig einsetzbare – Klimageräte und Ventilatoren. 

Was? Woher weißt Du das?

Ich habe eine offizielle Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz (https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsfreiheitsgesetz) an die Gemeinde gestellt. Die Gemeindeverwaltung ist damit auskunftspflichtig. Mein Fragenkatalog umfasste Fragen nach tatsächlichem Aufwand, beteiligten Personen, Aufträgen der Gemeinde, Aufwände der Kirchengemeinde, Infrastruktur, Kosten, laufenden Kosten etc..

Die Antworten kamen schnell und sind für die Aussagen des sachkundigen Bürgers entlarvend:

  • Der unmittelbar der Gemeinde zuzurechnende Arbeitsaufwand lag insgesamt bei rund 8,25 Stunden. Inkl. Konzept, Abstimmungsgesprächen, Auswahl von Kühlgeräten und Kauf, Gestaltung von Texten, Plakaten etc. und der temporären Installation der Kühlgeräte.
  • Die Investition für die Gemeinde lag bei 696,81 Euro für Klimageräte, Ventilatoren und Druckkosten. 
  • Es gab keine baulichen Veränderungen durch die Gemeinde. 
  • Auch wurden weder eine Klimaanlage, noch eine behindertengerechte Toilette eingebaut. Weder durch die Gemeinde, noch durch die Kirchengemeinde. Die entsprechenden WC-Anlagen sind in den Räumlichkeiten der Kirchengemeinde bereits seit Jahren vorhanden. Hier erfolgte weder eine Beauftragung noch eine Finanzierung durch die Gemeinde.
  • Der Betrieb erfolgt ehrenamtlich. An dem einen Tag wurde die Öffnung von zwei ehrenamtlichen Helfern des DRK Schlangen begleitet, am anderen Öffnungstag durch einen ehrenamtlichen Helfer des DRK.
  • Zusätzlich unterstützten Helferinnen und Helfer von Gemeinsam Schlangen gestalten e.V. am betreffenden Wochenende im Umfang von rund 6 Stunden. Die Kirchengemeinde hat im Rahmen der Organisation ebenfalls personell unterstützt und die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. 
  • Laufende Kosten für Strom und Co. werden aktuell von der Kirchengemeinde getragen.

Da guckste, oder? 

Dass der sachkundige Bürger der AfD in Schlangen es mit Wahrheiten nicht so genau nimmt, sich wissenschaftsskeptisch und gegen Fakten positioniert, überrascht mich nach seinem Anschluss an die AfD trotz stets propagierter Unabhängigkeit nicht im Geringsten. Und das in seinen öffentlichen Beiträgen und Kommentaren. Ich will gar nicht wissen, welchen Mist der sich im Nicht-Öffentlichen-Bereich so zusammenfantasiert.

Was mich dagegen wirklich überrascht: Dass es Menschen gibt, die auf den Scheiß hereinfallen … Das überrascht mich mit jedem Kommentar, jedem Like und jeder Zustimmung ein wenig mehr. 

Fernab der Tatsache, dass (mal wieder) populistisch und verlogen gegen eine Maßnahme des Rates und der Verwaltung gearbeitet wurde (aber klar, die anderen spalten), ist auch das erneute Ignorieren der eigentlichen Sache (Schutz, Hilfe und Gemeinschaft für betroffene Personen) für mich ein ziemliches Armutszeugnis. Wenn bedürftigen Personen mit wenig Aufwand, wenig Kosten und mit ehrenamtlichem Engagement eine gesellschaftliche Unterstützung angeboten werden kann, darf sich jeder selbst die Frage stellen: Warum genau stellt sich ein AfD-Beteiligter in Schlangen erneut dagegen? Wie wenig gemeinschaftlich kann man eigentlich noch denken und arbeiten? 

Eine weitere Frage drängt sich hier natürlich auch auf. Wenn ein offensichtlich nicht an der Wahrheit interessierter sachkundiger Bürger im Rat der Gemeinde Schlangen sitzt, der gegen Bevölkerungsgruppen aus der Gemeinschaft arbeitet und nicht das gemeinschaftliche Wohl als Ziel hat: Warum? Warum ermöglichen wir als Gemeinschaft durch Wahlen eine Beteiligung von Menschen, die sogar die Hilfestellung von Schutzbedürftigen in ein falsches Licht rücken?

Mein (leider erneutes) Fazit:

Auf jeden Fall sollten die Leute, die immer propagieren, man solle nicht alles glauben und immer hinterfragen, dies doch einfach mal bei denen machen, denen sie jeden dahingeworfenen Mist direkt und ohne Frage abnehmen und glauben. 

Dass Leute, die solche Nummern öffentlich abziehen, im Rat einer Gemeinde eine Position als sachkundiger Bürger einnehmen, ist eine Farce. 

Dass klar denkende Menschen mit ihrer Stimme offensichtlichen Lügnern und Spaltern auch nur den Ansatz von Mitbestimmung für die Verantwortung einer Gemeinde mitgewähren, ist schlicht dumm. 

Dass diese Type sich hinstellt und einen Schutz für Menschen mit falschen Behauptungen und Lügen infrage stellt, um auf billigste Art und Weise Punkte zu erhaschen, ist so durchschaubar wie erbärmlich. 

Menschen in Schlangen: Das muss anders werden!

p.S. Wer sich mal darüber informieren möchte, wie dieser Art von Wahlkampf strukturiert passiert und wie die AfD gezielt manipuliert und Propaganda bei denen zur strukturierten Empörung aufgebaut wird: https://digitalrechte.de/news/propaganda-by-design-wir-haben-uns-das-ki-kampagnentool-der-afd-naeher-angeschaut 

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