Stell Dir mal vor, Du hast so gar keine Ahnung von den meisten handwerklichen Dingen.

Das bin ich.

Mit falschem oder fehlendem Werkzeug, deutlich mehr Zeit als eine geübte Person, kleineren Verletzungen und gelegentlich schlechter Laune schaffe ich einfache Aufgaben. Einen Schreibtisch aufbauen. Eine Lampe aufhängen. Solche Dinge.

Manchmal steht das Ergebnis am Ende sogar erstaunlich stabil da.

Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, einem Tischler zu erklären, wie Möbelbau funktioniert. Ich würde einem Elektriker nicht sagen, seine Einschätzung sei unnötig, weil ich persönlich Strom nicht besonders wichtig finde. Und ich würde auch keinem Heizungsbauer erklären, dass sein Fachwissen für mein Haus keine Rolle spielt, weil die eigentliche Wärme schließlich nicht im Heizungsraum entsteht.

Das wäre absurd.

Nicht, weil Fachleute immer recht haben. Natürlich nicht. Aber weil eine ernsthafte Auseinandersetzung voraussetzt, die eigene fehlende Expertise wenigstens zu erkennen.

Ich habe den Vorsitzenden der Fraktionen bei uns vor Ort ein Angebot gemacht. Eine Schulung zur digitalen Kommunikation. Kostenfrei.

Meckern ist ja eine Sache, und da ich als notorischer Kritiker hier immer laut darüber schimpfe, fühle ich mich verpflichtet, auch Lösungen anzubieten.

Ich würde ihnen gerne zeigen, wie digitale politische Kommunikation heute funktioniert, wie Themen strategisch geplant werden können, wie sich mit begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen effizient arbeiten lässt und wie einzelne Beiträge zu einer erkennbaren Kommunikation werden.

Ich würde dafür selbst für entstehende Kosten aufkommen (Raummiete und so).

Der Anlass liegt sicher auf der Hand. Die digitale Kommunikation aller Fraktionen vor Ort ist aus meiner Sicht katastrophal, weitestgehend nicht vorhanden. Und wenn, dann wird alle Jubeljahre mal PR gespielt. Es ist und wird überdeutlich, dass hier keinerlei Expertise vorliegt und man hier unterhalb Amateurniveau agiert. 

“Ja, aber wir machen das auch nur nebenbei”

Keine Frage: Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker arbeiten bei uns ehrenamtlich. Sie haben Berufe, Familien, Termine, Sitzungen, Unterlagen und unzählige Themen, in die sie sich einarbeiten müssen. Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass nicht überall Menschen vorhanden sind, die zusätzlich noch Erfahrung mit Strategie, digitaler Kommunikation, Social Media, Formaten, Redaktionsplanung und Community-Arbeit mitbringen. 

Niemand muss alles können.

Problematisch wird es erst, wenn man nichts darüber lernen möchte und gleichzeitig überzeugt ist, es besser beurteilen zu können als jemand, der sich beruflich damit beschäftigt.

Auf mein Angebot gab es eine Rückmeldung.

Sinngemäß wurde mir erklärt, Kommunalpolitik werde nicht in den sozialen Medien gemacht. Deshalb müsse man dort auch nicht kommunizieren. 

Zumindest der erste Teil des gefallenen Satzes ist in Teilen richtig.

Kommunalpolitik wird nicht auf Facebook oder Instagram gemacht. Kommunalpolitik wird auch nicht am Wahlwerbe-Stand vor dem Einkaufsladen gemacht, oder in der Zeitung. Entscheidungen werden in Ausschüssen und im Rat vorbereitet, beraten und getroffen. Anträge werden geschrieben, Haushalte diskutiert, Gespräche geführt und Beschlüsse gefasst. 

Kranken- und Altenpflege wird ebenfalls nicht auf Social Media gemacht. Unternehmen entwickeln ihre Produkte nicht in einem Instagram-Beitrag. Vereine leisten ihre Arbeit nicht in einer Facebook-Story. Und eine Mannschaft schießt in Social Media keine Tore, dadurch, dass sie ein Foto vom Training veröffentlicht.

Kommunikation ist der Ort, an dem diese Arbeit sichtbar, verständlich und zugänglich wird.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Kommunalpolitik auf Social Media gemacht wird.

Die Frage lautet, ob Menschen dort etwas darüber erfahren sollen.

Sollen Bürgerinnen und Bürger verstehen, welche Themen gerade beraten werden? Sollen sie nachvollziehen können, warum eine Fraktion eine bestimmte Position vertritt? Sollen sie erfahren, was ihre gewählten Vertreterinnen und Vertreter tun? Sollen jüngere Menschen überhaupt mitbekommen, dass Kommunalpolitik ihren Alltag betrifft? Sollen Entscheidungen erklärt werden, bevor Gerüchte und Halbwissen die Erklärung übernehmen? Sollten Menschen da draußen mitbekommen, wenn sich AfD-Politiker in Schlangen einfach hinstellen und ohne Scham offen Lügen verbreiten? Drohen? Sollte man mitbekommen, wenn (falls) sich andere Fraktionen dagegenstellen und klar Stellung beziehen (wenn sie das denn hinbekommen)? 

Dann muss man kommunizieren.

Nicht ausschließlich auf Social Media. Aber eben auch dort. Und eben immer öfter dort, weil Medien in Schlangen kaum noch anders funktionieren. Die Zeitungen sind kaum noch lokal und wenn, dann hoffnungslos hinter der Zeit hinterher. Monatsmagazine und Anzeigenblättchen bieten gekaufte redaktionelle Beiträge und sind in den jüngeren Generationen nicht im Konsum.

Man kann soziale Netzwerke ablehnen. Man kann ihre Entwicklung kritisieren. Man kann einzelne Plattformen für problematisch halten. Dafür gibt es viele gute Gründe.

Man kann aber nicht aus der eigenen Abneigung ableiten, dass diese Kommunikationsräume für alle anderen Menschen bedeutungslos sind.

Und man kann fehlende eigene Erfahrung nicht dadurch ersetzen, dass man die Bedeutung eines gesamten Fachgebietes bestreitet.

An diesem Punkt geht es für mich nicht mehr um unterschiedliche Geschmäcker.

Es geht um eine Haltung gegenüber Expertise und um Professionalität.

Ich bin kein Maschinenbauingenieur. Wenn mir ein Maschinenbauingenieur Zusammenhänge aus seinem Fachgebiet erklärt, höre ich zunächst einmal zu. Ich darf nachfragen. Ich darf widersprechen. Ich darf eine zweite fachliche Einschätzung einholen. 

Was ich nicht tun sollte: aus meinem persönlichen Gefühl und rückständigem Wissen (oder einer Parteidoktrine) heraus erklären, Maschinenbau sei im Grunde unnötig und der Fachmann habe offenbar nicht verstanden, worauf es wirklich ankomme.

Genau diese Selbstverständlichkeit vermisse ich erstaunlich häufig, wenn es um digitale Kommunikation geht.

Weil fast jeder täglich ein Smartphone nutzt, entsteht schnell der Eindruck, man verstehe auch professionelle Kommunikation. Weil man selbst einen Instagram-Account besitzt oder bewusst keinen haben möchte, meint man, die gesellschaftliche Bedeutung dieser Plattformen abschließend beurteilen zu können.

Aber ein Konto zu besitzen, macht noch keine Kommunikationsstrategie.

Ein persönliches Unbehagen ersetzt keine Analyse.

Und eine leitende politische Funktion verleiht nicht automatisch Expertise in jedem anderen Fachgebiet.

Das anzuerkennen, wäre kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil.

Verantwortung bedeutet nicht, alles selbst zu wissen. Verantwortung bedeutet auch, zu erkennen, wo Wissen fehlt, sich beraten zu lassen und dazuzulernen.

Genau deshalb habe ich mein Angebot gemacht.

Nicht, um den Fraktionen vorzuschreiben, was sie sagen sollen. Nicht, um politische Inhalte zu beeinflussen. Und auch nicht, um irgendeiner Partei einen Vorteil zu verschaffen. 

Es geht darum, allen dieselbe fachliche Grundlage anzubieten.

Wie lassen sich politische Entscheidungen verständlich erklären? Wie entsteht aus einzelnen Beiträgen ein erkennbares Gesamtbild? Wie kann Kommunikation geplant werden, ohne dass sie zum zusätzlichen Vollzeitjob wird? Wie erreicht man Menschen, die keine Ratssitzungen besuchen und keine Pressemitteilungen lesen? Wie geht man mit Rückfragen, Kritik und Falschinformationen um?

Darüber kann man sprechen können.

Man kann mein Angebot auch nach einer fachlichen Auseinandersetzung ablehnen. Vielleicht fehlen die zeitlichen Ressourcen. Vielleicht gibt es bereits andere Pläne. Vielleicht möchte eine Fraktion bewusst andere Wege gehen.

Alles legitim.

Aber „Kommunalpolitik wird nicht auf Social Media gemacht“ ist keine Strategie.

Es ist auch keine fachliche Begründung.

Es ist ein Satz, mit dem man sich die Auseinandersetzung erspart.

Am Ende geht es nicht darum, möglichst viele Beiträge zu veröffentlichen. Es geht nicht um Tanzvideos aus dem Ratssaal, um künstliche Reichweite oder darum, jedem kurzfristigen Trend hinterherzulaufen.

Es geht darum, politische Arbeit für die Menschen sichtbar und verständlich zu machen, in deren Auftrag sie geschieht.

Wer darauf verzichtet, verzichtet nicht auf Social Media.

Er verzichtet auf einen Teil der Öffentlichkeit, auf Chancen der Erreichbarkeit, auf ganze Zielgruppen und die Möglichkeit, Menschen Informationen zukommen zu lassen.

Das kann man entscheiden oder es einfach arrogant und fahrlässig sein lassen. 

Ihr benötigt sicher keine zwei Versuche, zu erraten, aus welcher Fraktion die Antwort kam. 

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