Eine Regenbogenflagge ist kein neutraler Gartenschmuck. Sie ist ein Zeichen. Genau deshalb hängt man sie auf.

Man kann die Farben nicht mögen. Man muss sie nicht ans eigene Haus hängen. Die Botschaft dahinter ist allerdings keine Geschmacksfrage. Queere Menschen gehören zu unserer Gesellschaft. Sie haben dieselben Rechte wie alle anderen und müssen ihre Existenz nicht rechtfertigen.

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Niemand wird durch den Anblick einer Regenbogenflagge schwul, lesbisch, trans oder queer. Keine Familie zerbricht daran. Niemandem wird etwas weggenommen.

Trotzdem lösen ein paar farbige Streifen heftige Reaktionen aus. Auch bei uns in Schlangen. Immer wieder.

In einer lokalen Diskussion auf Facebook wurde kürzlich spöttisch gefragt, ob man gerade Zeuge eines Outings werde. Es folgten Glückwünsche an den angeblich „Mutigen“, der sich endlich zu seiner „wahren Natur“ bekenne. Queere Menschen wurden mit Füchsen und Einhörnern in eine Reihe gestellt. Schließlich könne man heute alles sein und im nächsten Jahr wieder etwas anderes. Was für eine erbärmliche Einstellung von jemandem, der sich um ein Amt zur Fürsorge aller beworben hat.

Ein anderer Kommentar bezeichnet die Regenbogenflagge als „Fake“. Es ist von Indoktrination, Fremdsteuerung und Identitätsverlust die Rede. Die Fahne gehöre ebenso wenig zu Deutschland wie ihre Unterstützerinnen und Unterstützer. Und dann kommen, wie so häufig, die Kinder ins Spiel. Die müsse man vor all dem schützen.

Das ist keine sachliche Kritik an einer Fahne. Das ist Queerfeindlichkeit. Und bei Letzterem gewachsen aus einer ideologisch rechten und menschenfeindlichen Einstellung.

Menschen mit Fantasiewesen zu vergleichen, macht sie lächerlich. Ihnen zu unterstellen, sie seien Teil einer fremdgesteuerten Agenda, spricht ihnen ihre Selbstbestimmung ab. Zu erklären, ihre Unterstützer gehörten nicht zu Deutschland, stellt ihre Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft infrage.

Klar, man kann darüber hinweglesen. Einige Fraktionen und politische Akteure machen das auch in Schlangen seit Jahren vor. Das Internet wird bei diesen nicht als wirklicher Kommunikationsraum wahrgenommen. Was dort passiert, gilt als nicht so wichtig, nicht so ernst und irgendwie auch nicht als Teil des Ortes.

Das halte ich für bequem, dumm und für ziemlich kurz gedacht.

Das Internet und die Plattformen der Social Media sind keine Orte außerhalb von Schlangen. Hier schreiben Menschen aus unserer Gemeinde. Hier lesen Nachbarinnen und Nachbarn, Eltern, Jugendliche, Kolleginnen, Vereinsmitglieder und Menschen mit, die von solchen Kommentaren persönlich betroffen sind. Die lokale Kommentarspalte ist längst ein Teil unserer Ortsmitte geworden. Nur ist der Ton dort häufig rauer, die Reichweite größer und der “Mut”, etwas zu sagen, plötzlich vorhanden, während er im realen Leben nur an der Theke, der Werkstatt oder am Fascho-Stammtisch am Donnerstag unter Gleichgesinnten da ist.

Welcher Regenbogen?

In einem der Kommentare wird die Pride-Flagge als „Fake-Regenbogen“ bezeichnet, weil sie sechs Farben hat. Ein echter Regenbogen habe schließlich sieben.

Wenn man schon mit Physik argumentiert, sollte man es wenigstens richtig machen. Ein Regenbogen am Himmel besteht nicht aus sieben sauber voneinander getrennten Farbbalken. Er zeigt ein kontinuierliches Spektrum mit viel mehr Farbabstufungen, als wir benennen oder unterscheiden können. Die Einteilung in sieben Farben geht vor allem auf Isaac Newton zurück. Das britische Met Office erklärt diesen Zusammenhang ziemlich anschaulich. (die Seite ist in Englisch)

Die Pride-Flagge möchte den Himmel ohnehin nicht naturgetreu nachbauen. Sie ist ein politisches und gesellschaftliches Symbol.

Die erste Regenbogenflagge der queeren Bewegung wurde 1978 in San Francisco gezeigt. Der Künstler Gilbert Baker hatte sie gemeinsam mit anderen entworfen und genäht. Diese erste Version hatte acht Farben. Jede davon stand für einen Teil des Lebens, unter anderem für Liebe, Heilung, Natur, Kunst und Gemeinschaft.

Später verschwanden Pink und Türkis. Nicht wegen einer geheimen Agenda, sondern aus sehr praktischen Gründen. Pinker Stoff war schwer zu beschaffen und sechs Streifen ließen sich bei einer Parade besser auf zwei Straßenseiten verteilen. Daraus entstand die heute bekannte Fahne mit Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Die GLBT Historical Society dokumentiert diese Geschichte und bewahrt einen Teil der ursprünglichen Flagge auf (die Seite ist in Englisch). Auch auf Wikipedia gibt es umfangreiche Informationen zur Regenbogenfahne und auch zur variantenreichen Weiterentwicklung, Nutzung und Symbolkraft.

Keine der unterschiedlichen Fahnen macht die anderen ungültig. Die klassische Regenbogenflagge ist weiterhin ein weltweites Symbol der queeren Bewegung. Die neueren Varianten setzen zusätzliche Schwerpunkte und zeigen Menschen, die auch innerhalb der queeren Gemeinschaft lange wenig gesehen wurden.

Dass sich ein Symbol weiterentwickelt, macht es nicht falsch. Es zeigt, dass eine Gesellschaft dazulernt und es nicht um den Verlust von Identität, sondern darum geht, Menschen nicht länger zu übersehen.

Sichtbarkeit ist keine Provokation

„Queere Menschen könnten doch leben, wie sie wollten. Sie sollten es nur nicht ständig zeigen und anderen nicht aufzwingen …“ So oder so ähnlich hört und liest man es oft.

Solche Kommentare haben mit Toleranz nichts zu tun. Die eigentliche Aussage lautet, dass queere Menschen geduldet werden, solange sie möglichst unsichtbar bleiben.

Für heterosexuelle Menschen gelten solche Bedingungen nicht. Niemand spricht von einer Agenda, wenn sich ein Mann und eine Frau auf einem Familienfoto küssen. Ein Paar, das gemeinsam auf dem Schützenfest erscheint, betreibt keine politische Einflussnahme. Heterosexualität ist überall sichtbar, ohne dass sie überhaupt als Sichtbarkeit wahrgenommen wird.

Und bei queeren Menschen soll schon eine Fahne zu viel sein?

Dabei leben queere Menschen selbstverständlich auch in Schlangen, Kohlstädt und Oesterholz-Haustenbeck. Sie gehen hier zur Schule, arbeiten in Schlänger Betrieben, engagieren sich in Vereinen und feiern auf unseren Festen. Die Regenbogenflagge bringt sie nicht hierher. Sie waren längst da. Sie zeigt ihnen, dass sie gesehen werden.

Gerade in einer kleineren Gemeinde wie unserer ist das wichtig. Hier kennt man sich. Man trifft sich beim Bäcker, im Verein, in der Schule oder bei Veranstaltungen wieder. 

Vielleicht liest ein junger Mensch aus Schlangen diese Kommentare abends in seinem Zimmer. Vielleicht weiß noch niemand, dass sie genau diesen jungen Menschen betreffen. Was macht es mit einer jungen Person, die liest, dass Menschen wie sie angeblich verwirrt sind, einer Mode folgen oder für andere Kinder gefährlich werden könnten? Wie muss sich eine junge Person fühlen, deren Vater, Mutter, Oma, Opa, Tante, what ever, eine solche Meinung vertritt? 

Eine Regenbogenflagge macht niemanden queer. Ein Buch und ein Gespräch im Unterricht tun das auch nicht. Ebensowenig, wie der Anblick eines Paares, gleich welcher Sexualität oder Identität. Sie können einem Menschen aber zeigen, dass mit ihm nichts falsch ist.

Die Kommentare zeigen ihm möglicherweise das Gegenteil.

Schweigen ist auch eine Botschaft

Der Anschlag im Umfeld des Berliner Christopher Street Days hat einen Menschen das Leben gekostet und viele weitere verletzt. Berlin ist der Anlass für diesen Text. Schlangen ist sein Thema.

Natürlich führt kein gerader Weg von einem Internet-Kommentar zu einer terroristischen Tat. Wer über eine Fahne pöbelt, wird dadurch nicht automatisch zum Gewalttäter. Eine solche Behauptung wäre unseriös, albern und voreilig.

Es gibt trotzdem einen Zusammenhang. Queerfeindlichkeit beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt, wenn Menschen lächerlich gemacht werden. Wenn ihre Sichtbarkeit zur Zumutung erklärt wird. Wenn aus ihrer Forderung nach gleichen Rechten eine angeblich gefährliche Ideologie gebaut wird.

Das Bundeskriminalamt registrierte 2025 insgesamt 2.377 queerfeindliche Straftaten. Das waren 12,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Die Zahlen stehen in der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität.

Diese Zahlen sagen selbstverständlich nichts über die Lage in Schlangen. Ein paar Kommentare von wenigen Menschen bilden (zum Glück) auch nicht unsere ganze Gemeinde ab. Aber sie sind Teil dieser Gemeinde und sie beeinflussen das Bild, das Menschen von ihr bekommen.

Wer betroffen ist, sieht nicht, wer beim Lesen still den Kopf schüttelt. Wer betroffen ist sieht, wer widerspricht und wer schweigt. Deshalb reicht es nicht, Hass im Internet als Nebengeräusch abzutun und zu ignorieren. Parteien, Vereine, Kirchen, Schulen und Verwaltung müssen nicht jede Pöbelei mit einer Pressemitteilung beantworten. Wir alle sollten aber deutlich machen, welches Zusammenleben wir vertreten.

Darum geht es.

Nicht um Stoff. Nicht um die Zahl der Farben. Und auch nicht um die Frage, ob jemand persönlich eine Fahne aufhängen möchte.

Es geht darum, dass queere Menschen bei uns selbstverständlich dazugehören.

Nicht mehr. Nicht weniger.

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