Das Westfalen-Blatt nennt Unabhängigkeit als einen seiner Kernwerte. Das ist ein Anspruch, an dem sich eine Zeitung messen lassen muss.

Unabhängig bedeutet für mich nicht neutral oder unpolitisch. Eine Zeitung darf eine konservative Grundhaltung haben. Sie darf in Kommentaren Position beziehen und selbstverständlich auch Politiker loben. Entscheidend ist etwas anderes: Hält sie genügend Abstand zu denjenigen, denen sie politisch oder gesellschaftlich nahesteht?

Nach der Lektüre der Gesamtausgabe vom Montag, 27. Juli 2026, habe ich daran beim Westfälischen Volksblatt erhebliche Zweifel. Es geht dabei nicht um einen unglücklichen Satz. Es geht um die Summe aus Überschriften, Einordnungen, ausgewählten Stimmen. Ach, und um das, was gar nicht vorkommt.

Das ist wie immer meine persönliche Einordnung. Andere können die Beiträge anders lesen. Aber gerade weil das Westfälische Volksblatt für einige Menschen in unserer Region vielleicht noch eine wichtige Informationsquelle ist, sollten wir darüber sprechen, welches Bild hier entsteht.

Die Empörung ist das Problem?

Ausgangspunkt ist die Berufung des Paderborner CDU-Politikers Carsten Linnemann zum Bundesgesundheitsminister.

Vorab und klar ausgesprochen

Ich kann mit Carsten Linnemanns Politik und seinen Haltungen nichts anfangen und ich stehe ihm sowohl in seiner Eignung als Minister als auch als Volksvertreter für die allumfassende Gemeinschaft der Bürger*innen in Deutschland maximal kritisch gegenüber.
Das hat mein Auge für positive Berichterstattung definitiv geschärft, und daher schaue ich bei jeder Beweihräucherung doppelt und dreifach hin.

Gut ein Jahr zuvor hatte Linnemann bei Phoenix noch erklärt, er wäre vermutlich kein erfolgreicher Gesundheitsminister geworden. Man solle bei seinen Stärken bleiben und das tun, was man könne. Das war keine beiläufige Bemerkung, sondern ein ziemlich grundsätzliches Argument: Ministerien sollten möglichst von Menschen geführt werden, die fachlich etwas von ihrem Ressort verstehen.

Nun wird Linnemann selbst Gesundheitsminister.

Natürlich darf er seine Meinung ändern. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob ein Minister zwingend aus dem jeweiligen Fach kommen muss. Das können wir an anderer Stelle auch gerne diskutieren. Aber zunächst steht da ein offensichtlicher Widerspruch.

Chefredakteur Ulrich Windolph setzt in seinem Kommentar trotzdem einen anderen Schwerpunkt. Schon die Überschrift lautet: „Die Empörung ist voreilig“.

Nicht Linnemanns Widerspruch wird damit zum eigentlichen Problem, sondern die Reaktion derjenigen, die ihn darauf hinweisen.

Der Kommentar erwähnt die frühere Aussage, arbeitet anschließend aber vor allem daran, sie zu entschärfen. Aus dem Widerspruch wird ein „vermeintlicher Widerspruch“. Linnemanns persönliche und parteitaktische Motive werden ausführlich nachvollzogen. Karl Lauterbach und Boris Pistorius dienen als Beispiele dafür, dass fachliche Vorbildung nicht zwangsläufig über den Erfolg im Amt entscheidet. Positiv, wie negativ. Schade, dass auch hier keine Beispiele (positive, wie negative) aus dem „eigenen“ Lager genannt werden. Am Ende steht die Aufforderung, Linnemann eine Chance zu geben.

Mich stört nicht, dass ein Chefredakteur eine Meinung hat. Im Gegenteil. Mir ist ein klarer Kommentar lieber als eine Haltung, die sich hinter scheinbarer Neutralität versteckt.

Mich irritiert aber, wie viel argumentative Unterstützung Linnemann hier bekommt. Der Kommentar ordnet seine Rechtfertigung nicht nur ein. Er hilft ihm, aus der selbst geschaffenen Erklärungsnot herauszukommen.

Kritische Distanz sieht für mich anders aus. Das hier ist eher eine glasklare Protegierung. Der Seitenverweis auf eine „vibrierende Internet-Gemeinde“ zeigt, mit welcher Wertschätzung Windolph auf die, sich Beteiligende Öffentlichkeit schaut.

Aus Linnemann wird „der Carsten“

Noch deutlicher wird die Nähe im Beitrag „Libori: Viel Trubel um ,den Carsten‘“.

Schon die Überschrift stellt Vertrautheit her. Hier geht es kaum um den künftigen Bundesgesundheitsminister, seine Qualifikation oder seine politischen Vorstellungen. Hier geht es um den Paderborner, den viele kennen und auf den man vor Ort offenbar stolz sein darf:

„Für viele Paderborner bleibt der 48-Jährige schlicht ,der Carsten‘.“

Viele Besucher hätten ihm Erfolg gewünscht, einige wenige ihm augenzwinkernd ihr „Beileid“ ausgesprochen. Der Paderborner Landrat Christoph Rüther hält Linnemanns Berufung sogar für „perfekt“ und erklärt: „Da wird ein Manager gebraucht und kein Arzt!“

Diese politische Bewertung bleibt unwidersprochen. Eine gesundheitspolitische Fachstimme kommt nicht vor. Niemand ordnet ein, welche Erfahrungen Linnemann für dieses Amt mitbringt. Kritik wird nicht betrachtet, sondern mit dem Hinweis auf „einige wenige“ und deren augenzwinkerndes „Beileid“ kleingeredet, bagatellisiert und inhaltlich ins Lächerliche gezogen.

Ja, eine Lokalzeitung darf zeigen, wie Paderborn auf die Berufung eines bekannten Paderborners reagiert. Das gehört dazu. Aber ein Bundesgesundheitsminister ist eben nicht nur „unser Carsten“. Er trägt Verantwortung für mehr als 80 Millionen Menschen, für Versicherte, Pflegebedürftige, Beschäftigte, Krankenhäuser und Krankenkassen.

Da reicht heimisches Schulterklopfen als Perspektive nicht mehr aus.

Drinnen die Reden, draußen der Protest

… und dann auch noch die Berichterstattung rund um das Libori-Mahl mit Bundeskanzler Friedrich Merz.

Das Westfälische Volksblatt berichtet über das Warten auf den Kanzler, über die rund 200 Gäste im Historischen Rathaus und ausführlich über die Rede des Gildemeisters Johannes Beverungen. Darin geht es um Eigenverantwortung, unternehmerisches Handeln, Leistungsbereitschaft und eine angeblich zu große Erwartungshaltung gegenüber dem Staat.

Das sind politische Positionen. Natürlich kann und soll eine Zeitung darüber berichten.

Nur fand zeitgleich etwas statt, das in dieser Berichterstattung vollständig fehlt.

Um 18.30 Uhr begann auf der Florianwiese die Demonstration „Nein zum sozialen Kahlschlag – kein Libori für Merz“. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, kirchlichen Gruppen, Parteien, Jugendorganisationen und weiteren zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Ich war ebenfalls dort. Nicht, um gegen Libori zu demonstrieren, sondern um mich solidarisch gegen den sozialen Kahlschlag zu stellen, den viele Menschen durch den Kurs der Bundesregierung befürchten und bereits tragen müssen.

Dieser Protest hatte unmittelbar mit dem Libori-Mahl zu tun. Er richtete sich gegen die Politik des Ehrengastes und fand statt, während im Rathaus über Staat, Wirtschaft und Eigenverantwortung gesprochen wurde. Der WDR stellte deshalb bereits in seiner Vorberichterstattung Applaus und Protest nebeneinander.

Im Westfälischen Volksblatt: kein Wort dazu.

Das ist keine belanglose Auslassung. Drinnen wird vor zu hohen Erwartungen an den Staat gewarnt. Draußen protestieren Menschen gegen den Abbau des Sozialstaats. Wer das eine ausführlich wiedergibt und das andere vollständig ausblendet, zeigt eben nicht das ganze politische Ereignis.

Das Bild wird dadurch nicht zwingend falsch. Aber es wird sehr einseitig.

Auch Weglassen erzeugt Schlagseite

Keine Redaktion kann über alles berichten. Jede Zeitung muss auswählen. Aber diese Auswahl entscheidet darüber, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit ihre Leserinnen und Leser zu sehen bekommen.

Schlagseite entsteht nicht nur durch falsche Behauptungen. Sie entsteht auch durch die Frage, wer zu Wort kommt, wessen Aussagen groß herausgestellt werden und welche Perspektiven fehlen.

Hier wird Linnemanns Widerspruch erklärt und entschärft. Seine Berufung wird als lokale Erfolgsgeschichte erzählt. Der künftige Gesundheitsminister wird zum vertrauten „Carsten“. Merz, die Libori-Gilde und die geladenen Gäste im Rathaus bekommen viel Raum. Der politische Protest vor der Tür bekommt keinen.

Ich unterstelle dem Westfälischen Volksblatt nicht, dass jemand aus der CDU-Parteizentrale in der Redaktion anruft und die Texte bestellt. Dafür gibt es keine Belege. Darum geht es auch gar nicht. Es geht um die erkennbare Nähe in der Berichterstattung und die eigentlich vor sich hergetragene Unabhängigkeit.

Unabhängigkeit zeigt sich nicht allein daran, wem eine Zeitung gehört. Sie zeigt sich jeden Tag aufs Neue: in der Themenauswahl, in den Überschriften, in den gestellten Fragen und in der Bereitschaft, auch den eigenen politischen Favoriten kritisch zu begegnen.

Eine konservative Zeitung darf konservativ sein. Sie darf Friedrich Merz zustimmen und Carsten Linnemann für einen geeigneten Minister halten. Dann sollte sie diese Haltung aber als Haltung kenntlich machen und in ihrer Berichterstattung trotzdem andere Perspektiven zeigen.

Genau diese Trennung vermisse ich hier.

Für mich bleibt (mal wieder) die, für mich deutliche politische Nähe zur CDU. Das muss man auch nicht verstecken. Sondern vielleicht einfach so deutlich kennzeichnen, dass es einfach nicht politische und journalistische Unabhängigkeit suggeriert.

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