Darts: WM-Finale in London und der Abschied einer Legende5 Min. Lesezeit (ca.)

Darts? Um die Pfeile selbst zu werfen fehlt mir (wie bei vielen anderen Sportarten) das Talent. Unterdurchschnittlicher Kneipen-Gelegenheit-Spieler wäre wohl meine Liga. Wenn überhaupt. Aber ich schaue es mir gerne an und hey, schließlich muss auch niemand selbst Fußball spielen können um es im TV zu schauen. Darts im TV schaue ich mir schon (gefühlt) ewig an. Damals schon mit meiner Frau, danach mit irgendwem anders und heute noch gern. Immerhin eine Sache, die mir nicht vergangen ist.

Die Weltmeisterschaften sind dabei (natürlich) immer etwas ganz besonderes. Im Dezember geht es jedes Jahr los, das Finale dann am Neujahrstag. Austragungsort: Der Alexandra Palace in London. Im TV ahnt man nur, was für eine unglaubliche Atmosphäre in diesem Laden sein muss. 3500 Zuschauer passen rein und jedes Jahr aufs Neue platzt das Ding aus allen Nähten. Ein Traum, einmal selbst dabei zu sein. Ein Traum, den ich mir 2017 erfüllt habe.

Der Kartenvorverkauf startet bereits Ende Juli und war genauso schnell vorbei, wie er angefangen hatte. Ausverkauft bis auf den letzten Platz. Trotzdem: Das Glück hatte ich zur Ausnahme mal auf meiner Seite und so bekam ich zwei Tickets für das FINALE! Die Freude war groß und trotzdem blieb die Planung erstmal auf Eis. Aus alter Gewohnheit und irgendwo schlummernder Hoffnung kaufe ich nach wie vor immer zwei Tickets für Veranstaltungen … eigentlich blöd, aber irgendwie auch nicht.

Die Tickets blieben also liegen und ein wenig vergessen habe ich das Ganze auch. Dann, irgendwann im Oktober, sprachen wir durch Zufall über die Darts-WM. Das sie bald wieder startet und wie toll das Turnier im TV immer rüber kommt. Aus der Laune heraus bot ich die zweite Karte an und der Rest nahm seinen Lauf. Mein Reisebüro organisierte Flüge und Hotel und am 11.10.2017 stand alles. Gebongt: Wir fliegen zum Darts-WM Finale. Ally Pally wir kommen.

Für uns begann die Tour direkt am Finaltag am 01. Januar 2018. Mit nem British Airways Flug von Hannover nach London Heathrow und gegen 13 Uhr englischer Zeit waren wir im Hotel. Bierchen an der Bar, Zimmer bezogen und erneut in die Bar. Zum Abend hin kurz etwas gegessen und auf 18.30 Uhr (Einlass) zum Alexandra Palace. Der liegt auf einer Anhöhe mit einem fantastischen Blick über London. Die letzten Kartenankäufer vor der Location boten zum Teil 1000 Pfund und mehr für Finaltickets… Wirklich verkaufen wollte aber niemand. Schließlich war das Finale um eine weitere Besonderheit aufgepeppt: Die letzte Teilnahme von Rekord-Weltmeister und Legende Phil Taylor, der mit diesem Finale seine aktive Profi-Karriere nach mehr als 30 Jahren an den Nagel hängt. Dieses Ereignis zeigte sich auch in der Stimmung vor dem Einlass. Die Gesänge machten klar: Es ist egal, wer heute gewinnt – hier geht um eine Hommage an Phil Taylor. Ob er gewinnt oder nicht, er wird hier und heute auf eine einzigartige Art und Weise verabschiedet.

Der Einlass startet pünktlich um 18.30 Uhr und erfolgt trotzt erhöhter Sicherheitsmaßnahmen sehr zügig. Im Ally Pally ein paar Stände für Essen, Merchandise, Wetten und natürlich Getränke. In gescheiten Größen und schneller Abwicklung. Vom Eingang über den Kauf von Wertmarken bis zum ersten vollen Pitcher vergehen keine fünf Minuten. Klar, eingespielte Teams, funktionierende Logistik und letztlich auch „nur“ 3500 Zuschauer. Da geht vieles schnell. Gefällt mir. Die Atmosphäre schon jetzt wirklich einzigartig gegenüber so vielen anderen Events die ich bislang mitgemacht habe. Wir haben Tickets für die D-Tribüne, ein wenig rechts von der Bühne. Dort, wo auch die Familien der Spieler und andere an den runden Tischen sitzen. Nah dran und selbst ich als schlechter Darter könnte von hier die Menschen auf der Bühne treffen :). Die Stimmung steigert sich mit jedem Zuschauer, der den großen Saal betritt und immer wieder die gleichen Gesänge für Phil Taylor „ There is only one Phil Taylor/one Phil Taylor/walking along/singing this song/walking in a Taylor wonderland“ … immer mehr, immer wieder und immer ein Stückchen lauter. Gänsehaut-Momente und ich denke still, dass das einer der wirklich großen Momente ist.

Doch es wird noch besser. Der „Walk On“ beginnt. Natürlich zuerst ein paar Sponsoren, dann die Walk On Girls und dann der Herausforderer und die Überraschung der WM: Rob Cross. 27 Jahre alt und in seinem ersten Jahr als Darts-Profi. Bei der WM hat er alles geschlagen, was ihm in die Quere kam – unter anderem auch die Nummer eins und eine der absoluten Größen des Sport, Michael van Gerwen. Die Stimmung ist toll und die Zuschauer begrüßen ihn euphorisch, begleiten seinen Gang auf die Bühne, wie er es verdient hat. In einer großartigen Feier. Bravo, verdient.

Dann kommt Taylor, steht ein paar Meter von uns entfernt, mitten unter den Zuschauern in der Menge und wartet auf den Moderator John MacDonald. Der hebt seine sonore Stimme und leitet den letzten Profi-Walk on von Phil Taylor ein „And now, Ladies and Gentlemen, from Stoke-o-trent, England. It´s time to meet a legend. Ladies and Gentlemen, dominating the world of Darts for over three decades. The winner of over one hundred tournament finals. Ladies and Gentlemen, for the very final time.. Its time to meet: the record braking, history making, sixteen-time, the champion of the world: its Phil – the Power – Taylor“ … und mir bleibt der Klos im Hals stecken. Was für ein Moment.

Das Spiel selbst: Schnell vorbei und Rob Cross ist verdienter Weltmeister. Ein Ehrenmann, der trotz seines absolut eindeutigen und eigentlich schon vernichtenden Sieges über Taylor nicht mal wirklich jubelt. Aus Respekt vor Taylor. Großartig. Sympathisch. Weltklasse. Taylor hatte, trotz eines sehr knapp verpassten perfekten Spiels, nicht den Hauch einer Chance an diesem Abend und er hat es offenbar früh eingesehen und den Spaß in den Vordergrund gestellt.

Rob Cross wird ohne Zweifel seinen Platz in den Ehrenhallen des Sport finden, doch auch hier ist heute Abend klar: Eigentlich spielt das heute keine große Rolle. Er bekommt seinen Respekt, die Anerkennung für den Gewinn der Weltmeisterschaft und gewinnt viele Sympathien – doch wirklich gefeiert wird Phil Taylor. Für seine Karriere, für sein Abtreten, für das was er für diesen Sport geleistet hat und letztlich für sich selbst.

Auf dem Weg nach draussen – mehr als eine Stunde nachdem die Kameras ausgegangen sind – singen mehrere Hundert weiter den Song über das Taylor Wonderland.

Ich war da. Einer von wenigen. Es war ohne Zweifel einer der größten Momente bei denen ich dabei sein durfte.

 Danke.

Veröffentlicht von

Thorsten

Thorsten. Geboren 1972. Alleinerziehender Vater von zwei Töchtern und hier privat unterwegs. Ich brauche einen Platz für meine Gedanken, meine Beobachtungen, meine Anmerkungen. Dieser ist hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.