Kostenpflichtige Insellösung statt Corona-Warn-App des Bundes10 Min. Lesezeit (ca.)

Warum die Entscheidung der Gemeinde Schlangen Unfug ist und kein Problem löst

Die Gemeinde Schlangen folgt dem Kreis Lippe und setzt zur Corona-Kontaktverfolgung auf darfichrein.de – einen Dienst, an dem sich Menschen an Orten eintragen können. Einem digitalen Ersatz für die manuellen, schriftlichen Listen in denen man sich bislang eintragen musste und die Gesundheitsämter im Zweifelsfall zur Nachverfolgung weiterer Kontakte nutzen. Warum das ziemlicher Unfug ist, auf diese Insellösung zu setzen, warum die offizielle Corona-Warn-App hier sinnvoller zu unterstützen wäre und warum darfichrein.de in Schlangen nicht mal wirklich ein Problem löst, beschreibe ich hier in recht langer Form.

Disclaimer

Ich gehe davon aus, dass dieser Beitrag nur ein erster Beitrag ist und daher nur der Anfang. Er erhebt also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Darüber hinaus freue ich mich – wenn jemand andere Infos hat – diese kurz an mich weitergibt. Gerne revidiere ich meine Meinung, rudere zurück oder ergänze Informationen.

Die offizielle Corona-Warn-App

Wenn alle Stellen die offizielle Corona-Warn-App (CWA) unterstützen (würden) setzt zwangsläufig ein noch höherer Nutzungsgrad durch die Menschen ein. Diese nutzen die App sowieso schon in einem hohen Grad und durch die Entwicklungen und die bevorstehende Integration des digitalen Impfausweises wird diese weiter erhöht. Die App ist, in Bezug auf den Datenschutz unbedenklich und anonym nutzbar. Wenn die Menschen die App also nutzen und zur Nutzung angehalten werden, z.B. durch Abbildung des Testergebnisses in der App seitens des Gesundheitsamtes, (Kreis Lippe, Note ungenügend – setzen – immer noch nicht umgesetzt) können Menschen, die sich im entsprechenden Umkreis aufgehalten haben, effizient unterrichtet/gewarnt werden. Bei der Nutzung der CWA-App durch die Menschen kann davon ausgegangen werden (jupp, Spekulation), dass hier eine erhöhte Sensibilität für das Thema vorhanden ist und diese Menschen verantwortungsvoll handeln und nach einer positiven Warnmeldung umgehend einen eigenen Test vereinbaren.

Wenn also Unternehmen, Vereine, Gastronomien & what ever, einen CheckIn in einer Lokalität anbieten, um hier eine Verortung möglich zu machen, ist das mit der Corona-Warn-App anonym und ohne die Abgabe von persönlichen Daten möglich. Menschen, die sich dann ebenfalls zu der Zeit und zu einem bestimmten Zeitraum hier aufgehalten haben, werden über die App gewarnt und zu einem Test aufgefordert. Das war und ist Sinn und Zweck der Corona-Warn-App.

Sprich: Aufklärung. Sensibilität. Technische Unterstützung. Warnung… und das umgehend nach dem positiven Testergebnis in der App. Anonym. Problem angegangen. Fall erledigt, oder? Nope.

Wir brauchen Daten zur Nachverfolgung – sagt das Amt

Korrekt. Derzeit benötigen die Gesundheitsämter Daten zur Nachverfolgung und zur Benachrichtigung. Diese Daten werden heute in vielfältiger Form erhoben. Manuell, mit handschriftlichen Listen vor Ort oder mit Lösungen wie darfichrein.de, der Luca-App oder anderen Diensten. Die offizielle Corona-Warn-App erhebt diese Daten (derzeit) nicht. Forderungen dazu werden gestellt um hier den Wildwuchs der Dienste nicht weiter zu fördern und die Daten in einer Anwendung – Anbieterneutral – zu erfassen.

Aktuell: Manuelle Erfassung / Handzettel

In vielen Lokalitäten läuft es derzeit so ab, dass Menschen Datenzettel ausfüllen und diese – sollte es einen positiven Coronafall geben – an das Gesundheitsamt übertragen oder ihm ausgehändigt werden müssen. Die Daten werden durch die Gastgebenden erhoben und man hat hier die (Sicht-)Kontrolle über eine Teilkorrektheit der Daten. Man sieht also, ob Datensätze fehlen oder ob sich ein Gast als Donald Duck eingetragen hat. Eine Fehlerquote ist nicht ausgeschlossen, die Daten aber prüfbar. Gerade hier auf dem „Dorf“ – wo man vieler „seiner Pappenheimer“ kennt.

Was macht darfichrein.de

Darfichrein.de basiert darauf, dass Menschen mit einem Smartphone einen QR-Code an einem Ort scannen und auf der sich öffnenden Internetseite die Daten zur Person hinterlassen. Dadurch wird ein Zeiteintrag mit dem Ort und den eingegebenen Daten erhoben. Die Eingabe der Daten erfolgt manuell durch die Menschen. Eine Sichtprüfung des CheckIns kann durch Gastgebende erfolgen. Erhöhte Fehlerquote und Toleranz des CheckIn-Hakens kann man hier durchaus unterstellen. Dadurch ist z.B. auch die Eingabe von Fremddaten ebensowenig ausgeschlossen, wie auf der manuellen, handschriftlichen Liste. Wahrscheinlich höher, denn die digitale Prüfung benötigt noch höhere Aufmerksamkeit durch Gastgebende. Des Weiteren bestehen diverse weitere Möglichkeiten zur Manipulation, wie z.B. dem Zeigen von Screenshots oder fremder Daten.

Löst darfichrein.de ein Problem?

Nein, hier in Schlangen und dem Kreis Lippe nicht wirklich. Im Gegenteil sogar. Es schafft neue Probleme.

Zunächst: Ja, klar, Menschen scannen jetzt den Code, tragen die Daten auf dem Smartphone in die Formularfelder ein und damit stehen sie digital zur Verfügung. Im Bedarfsfall – falls also ein positiver Fall mit der Location in Verbindung gebracht werden kann – wird eine Liste der Daten vom Gesundheitsamt angefordert.

Das ist digital – das geht doch automatisch

Derzeit nicht automatisch, denn das Gesundheitsamt im Kreis Lippe ist hier nicht angebunden. Noch nicht. Wie an die Corona-Warn-App in Bezug auf Testergebnisse. Sprich, das Gesundheitsamt fordert die Daten bei den Gastgebenden an, hier generiert die Gemeinde eine Liste und stellt sie dem Gesundheitsamt zur Verfügung. Jeder von uns kann sich die Zeitverzögerung vorstellen, oder?

Beispiel: Ich habe mich bei der Arbeit angesteckt, war während meiner Inkubationszeit ohne Symptome und mit noch negativem Schnelltest in der Gastronomie. Die Inkubationszeit beträgt bei Corona mehrere Tage, bis zu 14. Irgendwann habe ich vielleicht Symptome und gehe zum Test – Positiv – das Gesundheitsamt wird informiert (24 Stunden) und setzt seine Hebel in Bewegung. Was jetzt nötig ist:

  • der Abgleich mit den Orten, an denen ich mich registriert habe
  • offene Ehrlichkeit
  • Angabe aller Orte an denen ich war
  • oder – bei konsequenter Registrierung – Abgleich der Kontaktpunkte

Denn, wenn die Menschen nicht mehr wissen oder verschweigen, wo sie vor 5 Tagen waren, ist die Registrierung bei darfichrein.de bereits wieder ad absurdum geführt (im Gegensatz zum CheckIn in der CWA) – und benötigt die Bereitschaft eines Einzelnen, den Stein an der Location ins Rollen zu bringen. In dem Fall der darfichrein.de – Nutzung erfolgt in Schlangen also der nächste Schritt. Manuell, weil das Gesundheitsamt noch nicht angebunden ist. Die Aufforderung des Gesundheitsamtes an die Gastgebenden zur Übermittlung der Kontaktdaten der möglicherweise betroffenen Personen – da kann ebenfalls Zeit vergehen – die manuelle Prüfung der Informationen – ebenfalls Zeit – die manuelle Information der möglichen Kontaktpersonen.

Von wieviel Zeit reden wir bei diesem Prozess? 3 Tage? 5 Tage? 7 Tage?

Das geht schneller!

Wir erinnern uns: Wenn das Testergebnis in der Corona-Warn-App genutzt wird, erfolgt die Information umgehend mit Übertragung des Ergebnisses. Zeitgewinn gegenüber der Nutzung einer anderen Möglichkeit? 3 Tage? 5 Tage? 7 Tage? – ja, je nachdem wie schnell man auf diesem Weg der „Digitalisierung“ eben ist. Auf jeden Fall langsamer als mit der CWA und mit einem Rattenschwanz an Möglichkeiten zur weiteren Verbreitung von Corona. Denn in der verfließenden Zeit bis zur Warnung bewegen sich die Menschen (die durch die CWA bereits gewarnt wären) fröhlich weiter und tragen die Viren durchs Land.

Man hat hier also eine Teillösung für ein bestehendes Problem gefunden, die weitere Probleme aufwirft. Nicht nur, dass die Verzögerung durch die unterbrochene Digitalisierung hier einen erhöhten Aufwand und eine dadurch höhere Verbreitung anzunehmen und zu unterstellen ist – auch die eigentliche Problematik ist schlicht nicht verstanden worden.

Statt sich mit dem schnellen Aufhalten möglicher Infektionsnetzwerke durch schnelle Warnungen und Sensibilisierung für dann notwendige, weitere Schritte zu beschäftigen – setzt man mit der Lösung um ein Vielfaches später an, um manuelle Eindämmung zu generieren.

Weitere Probleme, die dadurch entstehen

  • Gastgebende brauchen trotzdem manuelle Listen

Die digitale Aufnahme der Daten ersetzt also nicht die handschriftliche Liste. Denn neben denen, die kein Smartphone haben, an der Eingabe der Daten scheitern gibt es auch Menschen, die keine mobilen Daten nutzen können/wollen oder der Dateneingabe auf Internetseiten skeptisch gegenüber stehen etc.. Daher braucht es weiterhin auch die handschriftlichen Listen.

Aber: Ja, natürlich kann man die Daten auch über ein von Gastgebenden zur Verfügung gestellten Tablet eingeben.

  • Die Nutzung von darfichrein.de ist kostenpflichtig/lizenzorientiert

Auch wenn die Gemeinde Schlangen die Kosten für derzeit 20 Standorte trägt und „spendiert“ – die Nutzung ist lizenzorientiert und kostenpflichtig. Damit machen sich die Gastgebenden abhängig von einem Anbieter/der Lizenz – die – durch Steuergelder seitens der Gemeinde finanziert wird.

Eine weitere Abhängigkeit besteht durch die einzelne Unterstützung einer einzelnen Lösung durch die Gemeinde und damit die suggerierte Alternativlosigkeit und einer klaren Positionierung für einen einzelnen Anbieter.

Die dazu kommenden – indirekt Druck ausübenden – Äußerungen wie „andere machen das aber auch“ oder „alle anderen nutzen das hier“ ist in sofern beeinflussend, dass ich das eigentlich herrschende Neutralitätsgebot eines öffentlichen Organs wie der Verwaltung hier sehr stark gefährdet sehe. Rechtlich ist das m.E. nur schwer haltbar.

  • Insellösung und fehlender Datenabgleich

Durch die Nutzung und Unterstützung seitens öffentlicher Hand von Insellösungen wie darfichrein.de gibt es diverse Anbieter. NutzerInnen werden also quasi dazu genötigt diverse unterschiedliche Systeme und CheckIn-Möglichkeiten zu nutzen. In Paderborn z.B. oder im ÖPNV wird die Luca-App genutzt. In der örtlichen Gastronomie in Schlangen soll darfichrein.de genutzt werden. Ein Datenabgleich findet nicht statt – damit auch keine konsequente Dateneingabe oder Datenweitergabe.

Durch die unterschiedlichen Nutzung gerät die CWA zu einer „weiteren“ App – durch die Unterstützung von Insellösungen rutscht die offizielle Corona-Warn-App also – auch wenn es nicht explizit beabsichtigt ist – in den Hintergrund oder auf die gleiche Stufe.

Dabei kann diese mehr, ist die zukunftsorientierte Lösung seitens der Bundesregierung, ist Datensicher, Anbieterunabhängig, kostenfrei und Anonym.

Fazit

Ja, die CWA ermöglicht derzeit keine Kontaktdateneingabe. Forderungen danach sind von vielen Stellen u.a. durch den Chaos Computer Club gestellt. Da der Digitalisierungsprozess des CheckIns mit unterschiedlichen Systemen wie hier aber keine Probleme löst, sondern nur neue schafft, ist die Entscheidung schlicht durch Steuermittel finanzierter Unfug.

Es ist ein Unding, dass eine kommunale Verwaltung sich für eine kommerzielle Insellösung in eine Abhängigkeit eines einzelnen kommerziellen Anbieters begibt, diese mit vermeidbaren Steuergeldern finanziert, am lokalen Markt positioniert und indirekt dadurch die offizielle Corona-Warn-App untergräbt. Zusätzlich ist eine Farce, dass hier eine „Lösung“ durchgesetzt wird, die weder das eigentlich Problem behebt, sondern nur neue schafft oder Probleme auf eine andere Plattform verschiebt. Der indirekte und subtile Druckaufbau durch Argumente wie „aber das setzen hier alle ein“ erweckt den Eindruck, dabei sein zu müssen und fördert gleichzeitig einen einzelnen gewerblichen Anbieter. Das geht nicht. Nicht als Verwaltung. Nicht als Kommune.

Wer solche Entscheidungen trifft, setzt sich nicht mit dem Problem auseinander, sondern setzt blind darauf, dass Digitalisierung immer einen Vorteil bedeutet. Es muss nicht alles digitalisiert werden. Vor allem nicht, wenn es – wie hier – kein Problem löst, sondern nur neue schafft und dabei gleichzeitig Steuergelder kostet.

So. Meine 2-Cent.

P.S.: Eine Einschätzung der Relevanz und derÜberschätzung der Macht der erhobenen Daten durch Corona-Contact-Tracing-Apps und der Verwendbarkeit durch Gesundheitsämter kann man z.B. hier lesen:

https://www.heise.de/tp/features/Luca-App-Hilfe-oder-Belastung-von-Gesundheitsaemtern-6021060.html

Veröffentlicht von

Thorsten Ising

Thorsten. Geboren 1972. Alleinerziehender Vater von zwei Töchtern und hier privat unterwegs. Ich brauche einen Platz für meine Gedanken, meine Beobachtungen, meine Anmerkungen. Dieser ist hier.

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