Schottland-Reisetagebuch: Tag 5 – Isle of Lewis4 Min. Lesezeit (ca.)

Hätte ich gestern genau hingeschaut, wäre mir mein Fehler sicher aufgefallen. Heute ging es nicht rüber zur Isle of Harris (was ja irgendwie eins ist, aber die Menschen es hier ander sehen), da geht es morgen erst hin. Heute war also noch mal Lewis dran.

Die Isle of Lewis and Harris war lange in Privatbesitz, das ist heute nicht mehr so. Auch gehörte die Insel bis 1266 nicht zu Schottland, sondern lag unter Norwegischer Herrschaft. Die Nordmänner hatten auch tiefen Einfluss auf das Leben in der früheren Geschichte.

Die Fahrt über die Insel beginnt gegen 9.00 Uhr Ortszeit und wir stoppen am Arnold Blackhouse. Ein langgezogener Bau, wie er hier vor 100 Jahren noch absolut typisch war. Die Bauten sind aus Stein und mit Schilfrohr oder Stroh abgedeckt. In dem Haus gibt es keine Fenster – nur kleine Türen und die Menschen lebten hier mit dem Vieh unter einem Dach. Nicht so neu – sowas gab es bei uns früher auch – aber beeindruckend und bedrückend zu sehen. Hier in dem Arnold Blackhouse lebte eine Frau bis zum Jahr 1966 unter den Bedingungen. In der Mitte des Hauses ein Torffeuer das mit dem eigenen gestochenen Torf befeuert wurde und niemals ausgehen durfte. Die Dame die hier wohnte, hat das Haus 1966 Historic Scotland übergeben. Mit allem was darin war und Historic Scotland beließ es so und führt es heute als Museum.

Als Ausgleich für das Blackhouse baute Historic Scotland der Frau ein modernes Wohnhaus direkt nebenan. Mit allem, was sie dafür brauchte und in dem alten Haus zurücklassen musste. Sehr cool.

Einen weiteren Einblick in das Leben auf den äußeren Hebriden gibt uns Norman. Sorry, aber ich habe den Nachnamen vergessen. Norman ist in die Jahre gekommen und auf den ersten Blick wird klar, ein echtes Original. Der Man webt als einer von noch wenigen hier auf der Insel den richtigen und markenrechtlich geschützten Harris Tweed. Norman zeigt uns seine sechzig Jahre alte Maschine, die aus noch älteren Entwürfen (aus den 1920ern), gebaut ist und mit der er mit Hilfe seiner Muskelkraft webt. Dabei erzählt er voller Hingabe und mit einem gewissen Schalk im Nacken die Geschichte rund um den Harris Tweed, auf den er sichtbar stolz ist. Zu Recht. Er verkauft nur wenige fertige Produkte (Schals) selbst, ansonsten verkauft er Meterware an die, die daraus wieder Produkte wie Jacken, Westen und Taschen fertigen und in alle Welt verkaufen. Interessanter Mann und ein Handwerk das wohl über die Jahre der Industrie weiter zum Opfer fallen wird.

Zwischen einem Regenschauer (gerade wieder im Bus) und dem nächsten (gerade wieder im Bus) stoppen wir am Dun Carloway Broch. Brochs sind Türme, die als Wohnhäuser genutzt wurden (von denen, die sich sowas leisten konnten). Die Türme sind in der Regel fensterlos und beherbergten, wie die Blackhouses, alles unter einem Dach. Der Dun Carloway Broch ist noch ein wenig erhalten und man kann sehen und erahnen, was da früher mal stand. Eine kleine Ausstellung mit Hinweistafeln erklären den Rest. Was allerdings ein echter Hammer ist, ist der Ausblick von hier. Keine Frage, hier hätte ich wohl auch meine Wohnstube aufgeschlagen.

Passend mit Ende des nächsten Regenschauers legen wir unsere Mittagspause in Callanish ein. Hier im Visitor Center Callanish gibt es neben Getränken auch ne anständige Küche, einen kleinen Shop und eine Ausstellung. Denn hier in Callanish gibt es gleich eine ganze Ansammlung von alten Steinkreisen. Die größte ist Callanish 1 und liegt direkt in der Nachbarschaft. Der Steinkreis ist beeindruckend. Quasi Kreuzförmig angelegt führ(t)en zwei Steinalleen auf das Zentrum, den eigentlichen Steinkreis mit einem großen stehenden Stein in der Mitte, zu. Viele von den Steinen stehen noch immer und trotzen der Zeit. Sicher waren es religiöse Gründe dieses Monument zu errichten und der Platz direkt auf dem Hügel, die weite Sicht und sicher auch der Blick auf den Himmel wird den Rest dazu beigetragen haben.

Nicht weit entfernt (wenige hundert Meter) befindet sich Callanish II, etwas weiter Callanish III und natürlich auch noch Callanish 4. Heftig. Wirklich. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen, wie viel Überzeugung, Motivation, Kraft und Energie es gebraucht haben muss, diese Steinkreise zu errichten… Respekt. Ehrlichen Respekt.

Den Rest des Tages widme ich meine Zeit der Landschaft. Der Regen hat wieder aufgehört, ich schaue aus dem Fenster oder laufe ein paar Meter bei den Stopps, die wir einlegen. Unter anderem stoppen wir kurz an dem Strand, an dem man die alten Schachfiguren gefunden hat, von denen ich gestern schrieb. Hier würde ich einfach mal gerne mit einer Metalsonde entlang gehen. Der Strand ist toll gelegen und fast kein Mensch da. Wir, aber sonst keine Seele.

Der Tag war interessant und hat mich zum Nachdenken gebracht. Warum brauchen wir eigentlich für alles und jedes ein Hilfsmittel, ne Maschine oder nen Apparat? Ich überlege ernsthaft einiges zu minimieren und auszumisten, wenn ich wieder da bin. Schlecht wäre es sicherlich nicht.

Ein paar Bilder von heute:

Hier findet Ihr die einzelnen Berichte der zweiten Schottlandreise 2018:

Veröffentlicht von

Thorsten

Thorsten. Geboren 1972. Alleinerziehender Vater von zwei Töchtern und hier privat unterwegs. Ich brauche einen Platz für meine Gedanken, meine Beobachtungen, meine Anmerkungen. Dieser ist hier.

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